Montag, 25. Mai 2009
Victoria Scenic Drive
Mein letzter Tag auf Vancouver Island.Mit meinem persönlichen Tour-Guide Sarah ging es auf die Küstenstraße um die Südspitze der Insel. Eigentlich wollte ich diese Strecke mit einer dicken Harley zurücklegen, doch der Verleih am Inner Harbour, direkt neben den Flugboot-Rundreisen-Terminal und den Olympia 2010-Zelten (ja, das Merchandising hat beteits begonnen) möchte man rund CAN$250 pro Tag für so eine Maschine, bei einer Versicherungs-Eigenbeteiligung von CAN$2000. Das war es mir dann doch nicht wert, zumal ich nur noch 4 Stunden Zeit hatte. Die günstige Miete eines Scooters, die man überall in der Stadt herumflitzen sieht, wahlweise mit klassischem, Ethanol- oder Elektro-Antrieb, verwarf ich zugunsten meines Mietwagens - mit Organspendeausweis Klasse A bin ich rollerfreie Zone.
Möglicherweise half bei dieser Entscheidung auch, daß kurz zuvor eine Kundin eines Rollers langsam davonhumpelte. CAN$500 Eigenbeteiligung weg, dafür ein lädiertes Bein. Als Zweiradfahrer möchte man sowas genausowenig sehen wie die Kuh während der Transformation in ein Steak.
Start im knuffigen Beacon Hill Park (siehe Foto), der mit üppiger Vegetation, riesigen alten Bäumen, gepflegten Grünflächen und Teichen sowie allerlei Getier beeindruckte. Enten und Gänse kennt man ja, aber so zahme Eichhörnchen habe ich noch nie gesehen. Mit einer Tüte Erdnüsse bewaffnet, die wir im Supermarkt in der Tierfutterecke unter dem Etikett "squirrel food" billig einkauften, konnten wir ein paar Exemplare anlocken: die Viecher fressen aus der Hand, ganz besonders mutige Exemplare klettern sogar an einem hoch!
Auf dem 9-Loch-Mini-Grün übten sich einige Leute im Putting und wurden dabei von einem der Pfaue aus dem Streichelzoo gegenüber beäugt. Der saß nämlich nicht wie die ganzen Kollegen auf einem Ast, sondern wanderte durch den Park. Wie schaffen es diese großen Vögel mit dem noch größeren Federwerk eigentlich auf einen Baum hoch? Diese Art erscheint mir alles andere als flugfähig ...
Weiter ging es richtung Osten auf den Gonzales Hill, durch den Trafalgar Park an der Foul Bay. Welch ein irreführender Name für so ein wunderschönes Fleckchen auf der Erde. Den pazifischen Ozean am Garten, die schneebedeckten Berge im Blick, gepflegte Gärten rundherum. Preis der Immobilien hier: eine bis fünf Millionen Dollar.
In der nächsten Bucht Willows Beach. Bei (hab ich es schon erwähnt?) abermals perfektem Bilderbuchwetter war der Strand am heutigen Sonntag dicht belegt, mit O-Ton Sarah "Kinder reicher Eltern" des direkt angrenzenden Wohnviertels.
Im nächsten Wohnviertel weichen die kleinen und großen Häuschen "fenced properties", also großen Grundstücken, in der Regel mit Metall und Hecken eingezäunt, mit großen Gattern - willkommen in den Uplands, zu 5-50 Millionen Dollar die Wohneinheit. Die beiden Yachthäfen und der Golfkurs sind für diesen Stadtteil obligatorisch. Hier patroulliert Sicherheitspersonal und niemand der hier wohnt, dürfte seinen Garten selbst pflegen, die Wäsche selber machen. Einzig dicke europäische Supersportwagen habe ich nicht gesehen. Vielleicht waren die gerade damit unterwegs, oder schlicht in den Garagen (treffender: Hangars) versteckt.
Wir verließen die Küste -es war keine Zeit mehr um den Rest der Panoramastraße abzufahren- und bogen bei der Universität zurück richtung Downtown ab. Auf dem Campus schlich ich zweimal über die umfassende Ringstraße und beäugte alle möglichen Fakultätsgebaude und zahllose Karnickel. Aufgrund der hochwertigen Uni-Wohnheime in bester Lage, der zahlreichen Grünflächen und des allgemein tadellosen Zustands aller Gebäude keimte spontan Lust auf, sich hier nochmal einzuschreiben.
An den Campus angrenzend richtung Innenstadt beginnt der Stadtteil Suburbia. In diesem Wohnviertel mit "detached homes" würde ich wohl einziehen, bzw. mir ein Häuschen leisten können. Nach den Villen zuvor schon fast ein bisschen schäbig, aber doch gepflegter kanadischer Mittelstand. Ab CAN$300k ist man hier dabei, sowas sollte auch für kleine akademische Lohnsklaven wie mich machbar sein, zumal die Steuern in Kanada um Größenordnungen niedriger sind.
Grml, ich hätte mir die Kontaktdaten der Uni-Mitarbeiterin geben lassen sollen, mit der ich mich gestern am Empress unterhielt: vor einem Jahr aus Koblenz eingewandert sollte sie schon ausreichend Realität abbekommen haben, um sich ein realisitsches Bild über Land und Leute machen zu können - und sich von mir mit Fragen löchern zu lassen
An Suburbia angrenzend ging es durch den Stadtteil Oak Bay, wo die mächtigen Gary Oak Trees über die ganze Straße hinweg Schatten spendeten, zur Cook Street. In dieser angesagten Gastronomie-Meile nahm ich mein letztes Dinner von Vancouver Island, thai red curry im "Village Dining", mit 2 von 4 Peperonis auf der hauseigenen Schärfeskala.
Nochmal zurück ins Downtown, Sarah abgesetzt und verabschiedet, auftanken und ab in den Norden: von der Swartz-Bay aus verkehren im Stundentakt und an Wochenenden grob im Zweistundentakt Fähren zum Festland. Einen der letzten Plätze der 7pm-Fähre habe ich gerade noch erwischt.
Im Gespräch mit den Moppedfahrern am Anfang der Warteschlange habe ich nicht nur die erste Yamaha FJR1300 ohne Kupplung sondern mit semiautomatischem Getriebe gesehen ("F1-like"), sondern erfahren, daß es auch in Kanada Lärmemissionsbeschränkungen gibt - nur schert sich hier niemand drum ("are not being enforced"). Genau in diesem Moment röhrte auch eine Harley von der entladenden Fähre los, laut wie ein Erdbeben ...
Auf der Spirit of Vancouver Island, mit drei vollbelegten Parkdecks, geht es nun 90 Minuten lang an den Southern Gulf Islands, Galiano und Mayne Island vorbei durch die Strait of Georgia nach Tsawwassen. Von dort sind es dann nochmal 70km zu meiner letzten Station Vancouver.
Über Kanadas Westen im Allgemeinen und Vancouver Island im Speziellen liest und hört man nicht nur in Kanada selbst fast ausschließlich Jubelarien.
Natürlich habe ich die Urlauberbrille an, und mit permanentem Sommerwetter Glücl, aber ich muss schon sagen ... - hier möchte ich bleiben.
Neuseeland beeindruckt durch fantastische Natur auf engem Raum - für Urlaub ist das toll, aber leben und arbeiten möchte ich da nicht unbedingt. Hier bekommt man Natur und Zivilisation. Eigentlich brauche ich schon gar nicht mehr nach Australien fliegen, um mich dort umzusehen ...
Fünf Nächte habe ich jetzt noch in Kanadas drittgrößter Stadt und Westküstenmetropole, und bin gespannt was da noch alles an Eindrücken auf mich zukommt ...
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Tags: Kanada 2009
Geschrieben von Andy
in Andy on the road, Freizeit
um
03:50
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